Gerhard Fröhlich: »Netz-Euphorien. Zur Kritik digitaler und sozialer Netzwerkmetaphern« (1996)

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Gerhard Fröhlich bereits 1996 publizierter netzkritischer Text ist nach wie vor sehr lesenswert.

Die gedruckte Fassung findet sich in: Gerhard Fröhlich, "Netz-Euphorien. Zur Kritik digitaler und sozialer Netz(werk)metaphern", in: Philosophie in Österreich 1996, Hrsg. Alfred Schramm. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1996, S. 292-306. Online unter: www.iwp.jku.at/lxe/wt2k/pdf/Netz-Euphorien.pdf.

(...) Netze haben als Symbole in verschiedenen Kulturen eine lange Tradition, vor allem als Symbole des Einfangens und Sammelns:
Orientalische Gottheiten werden des öfteren mit Netzen dargestellt, mit denen sie die Menschen unterwerfen oder an sich ziehen. Der griechische Schmiedegott Hephaistos umfing seine untreue Gattin Aphrodite und ihren Liebhaber Ares während des Liebesaktes mit einem Netz aus unzerreißbarem Draht, um beide dem Spott der Götter preiszugeben. Die nordische Meeresgöttin Ran fischt mit einem Netz die Ertrunkenen auf und führt sie in ihr Totenreich. Der Heros Maui derpolynesischen Mythen fing in einem Netz die Sonne. Das Spinnennetz symbolisiert in Indien die kosmische Ordnung. Im Neuen Testament steht das Netz für Gottes Einsammeln und Auslesen der Menschen für das Reich Gottes. Frühe christliche Darstellungen zeigen das "Menschenfischen" der Apostel mit dem Netz. Das Netz mit kleinen Fischen kann für die Kirche stehen.

In Indien wird die trügerische Sinnenwelt vom Spinnennetz symbolisiert, das schwache Menschen umfangen hält, von Weisen aber zerrissen werden kann. Im Himalaja finden sich Dämonenfangnetze. In europäischen Darstellungen sind Tod und Teufel mit Netzen unterwegs, um Menschen aller Stände und Berufe einzufangen. In Altpersien symbolisiert das Netz den Mystiker, welcher mit einem Netz die Erleuchtung ´einfangen´ möchte. Tiefenpsychologen deuten den Fischfang mit dem Netz auch als Ausdruck einer aktiven Auseinandersetzung mit dem Unbewußten. Im Alten Testament drückt das Netz mitunter Angst (Enge, Beklommenheit) aus. Seltener wird das Netz als Symbol weitläufigen Verknüpftseins verwendet. (...)

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