Erhard Schüttpelz: »Ein absoluter Begriff. Zur Genealogie und Karriere des Netzwerkkonzepts«

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Der angehängte Artikel im PDF-Format ist erschienen in: Vernetzte Steuerung, Hg. Stefan Kaufmann, Zürich 2007, S. 25-46.
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Im Rückblick auf unsere Zeit – je später, desto mehr – wird man auf ein semantisches Leitfossil stoßen. Die Leute in der Zeit zwischen 1990 und 2010 scheinen geradezu besessen gewesen zu sein von dem, was sie das „Netz“ oder das „Netzwerk“ nannten. Man wird sich fragen, warum gerade jene Zeit vom Begriff und von der Metapher des „Netzwerks“ so besessen gewesen ist. Welches Versprechen, welcher Anspruch, welche Illusion und welche Enttäuschung verbargen sich im „Netz“ der damaligen Zeit?

Die Fakten selbst sind schnell benannt, und unsere zukünftigen Erforscher werden sie ebenso rasch beisammen haben wie wir: in der Zeit zwischen 1990 und 2010 wird das „Netzwerk“ zu einem absoluten Begriff. „Eigentlich ist alles Netzwerk“, und vor allem das, was alles umfasst und alles verbindet, also das „All“ des Alles ist Netz geworden. Die Theorie der Weltgesellschaft wird zur Theorie einer „Netzwerkgesellschaft“. Die Darstellung der Weltgeschichte, die zu einer Weltgesellschaft geführt hat, wird als Geschichte der weltweiten Verflechtungen geschrieben, als eine Theorie der Vernetzung und Verdichtung von schwächeren Netzwerken. Selbst die Philosophiegeschichte – die Geschichte des Absoluten Geistes – kann jetzt als ebenso mikrosoziologische wie weltumspannende Netzwerkgeschichte nachgezeichnet werden, als eine Goldene Kette von kleinen Cliquen, die sich vollkommen parallel zur eurasischen und mediterranen, dann nordatlantischen Weltvernetzung abgelöst haben.

Auch die Avantgarde der Theoriebildung scheint in jenen Jahren nicht mehr vom „System“, sondern vom „Netzwerk“ auszugehen, und eine der prominentesten Theorien der modernen Wissenschaft und Technologie und ihrer Welt heißt „Actor Network Theory“, und kommt – mit ihrer umstrittenen Gleichsetzung zwischen „Akteur“ und „Netzwerk“ – nirgendwo ohne den Absolutheitsanspruch der Verflechtung aus. Und das sind nur einige Symptome der wissenschaftlichen Seite des Phänomens, denn im Alltag und in den Medien jener Zeit ist „das Netz“ – „ich bin gerade im Netz“, „ich schaue kurz ins Netz“, „ich habe es im Netz gefunden“ – ein ebenso weltumspannender Begriff mit gleichermaßen alltäglichen wie absoluten Ansprüchen.

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