Sebastian Gießmann: »Netzwerke als Gegenstand von Medienwissenschaft

Ein programmatischer Text zur kultur- und medienwissenschaftlichen Netzwerk-Forschung.
Erschienen in: MEDIENwissenschaft 4/2005, S. 424-429. (PDF)

Die Medienwissenschaft, so wird Wolfgang Ernst nicht müde zu betonen, hat einen blinden Fleck: Den Begriff des Mediums selbst. Dies gilt zumal für die in Deutschland nur im Plural vorhandenen vielfältig-heterogen institutionalisierten Medienwissenschaften. Auf diese Art und Weise ist die Disziplin seit etwa 20 Jahren immer wieder in Gründung, selbst wo sich die Zeichen einer Konsolidierung längst ausmachen lassen.
Es gibt eine erstaunliche Anzahl von Baustellen im Fach und die Arbeit an der Pluralität der Gegenstandsdefinition ist nur ein Teil der anstehenden Aufgaben. Dieser Artikel möchte eine weitere Leerstelle der Medienwissenschaft benennen: Wie könnte man mit der Frage der Netzwerke umgehen? Globale Veränderungen der Disziplin – weg von einer erweiterten Film- und Fernsehwissenschaft, hin zu einer Medienkulturwissenschaft – fordern eine verstärkte Beschäftigung mit der Epistemologie der Übertragungsmedien. Keine Auseinandersetzung mit Telegrafie, Telefon, Rundfunk, Fernsehen und Computer kommt um die Frage nach deren Distributionsformen herum. Wenn man die Eingangsfrage nach blinden Flecken weiter denkt, wäre eine Lücke wohl weniger in der Beschäftigung mit medialen Aspekten von Speicherung und Bearbeitung zu konzedieren als eben im Bereich der Übertragungsfunktionen von Medien. Der Begriff des Medialen schlechthin, um es mit Lorenz Engell zu sagen, ist der der Übertragung. Auffällige Defizite medienwissenschaftlicher Praxis – Was ist ein Medium? – wären so nicht von ungefähr auch dem schwierigen Umgang mit dieser Grundbedingung anzulasten. (...)

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